Themen

In der Rubrik Themen werden verschiedene Aspekte des Pflegesystems behandelt. Zum einen vermittelt unser Autor Heinrich Krcek Erfahrungen aus dem Lebensalltag (Lebenslinien) und zum anderen Pflegesysteme aus anderen Kulturen (Pflege in anderen Kulturen). Sie finden die Beiträge unter den jeweiligen Rubriktiteln.

Lebenslinien

Mir ist manches schon passiert!

Gespräch mit Hubert Pellegrini

Ein ruhiger Herbsttag, der 25. Oktober 2009. Nach Dienstschluss schwingt sich Hubert Pellegrini auf sein Fahrradrad und strampelt etliche Kilometer herunter. Dieser Sport ist ihm wichtig. Als Ausgleich. In seinem Beruf sitzt er viel. Daher ist in der freien Zeit Bewegung angesagt. Auf der Fahrt nach Hause schaut er noch in der „Arche Noe“ vorbei, einem Gasthaus in unmittelbarer Nähe des Kufsteiner Bahnhofs. Einen kleinen Trunk hat er sich verdient. Es ist dann etwas länger geworden als geplant. Gegen 19 Uhr – es ist schon dunkel – setzt er sich wieder aufs Rad, um den kurzen Heimweg anzutreten.

Bei der Innpromenade kommt er zu einer unbeleuchteten Baustelle. Hier wurde gerade wegen der periodisch wiederkehrenden Hochwassergefahr der Damm erhöht. Hubert steigt aber nicht ab, sondern schiebt mit einem Fuß das Rad und sich selber langsam durch den Bereich. „Und da hab ich übersehen, dass es rechts von mir circa 1,5 Meter hinunter gegangen ist. Da bin ich hinunter gestürzt. Das wars.“

1958 kommt Hubert Pellegrini in Kufstein zur Welt, besucht hier die Volksschule und das Gymnasium. Nach der Matura studiert er Vermessungswesen in der Annahme, dass er in dieser Branche eine gut bezahlte Stelle bekommen wird. Als er feststellt, dass dem nicht so sein wird, bricht er nach dem ersten Abschnitt das Studium ab. Zwischenzeitlich als Schilehrer tätig, holt er in einem Abiturientenkurs die Matura an der Handelsakademie nach. „ Aber das Maturitätszeugnis war dann nicht zum Herzeigen. Ich war halt immer ein strenger Minimalist nach dem Motto: Genügend ist genug.“ 

Er bewirbt sich beim Finanzamt und beginnt 1983 seine Beamtenlaufbahn. „ Dort bin ich bald einmal Gruppenleiter geworden, hab geheiratet, zwei Kinder bekommen, bin nach Thiersee gezogen. Daneben hab ich immer schon intensiv Radsport betrieben. Wie die Kinder größer waren, sind wir drauf gekommen, dass zwischen mir und meiner Exfrau keine Basis mehr da ist. So haben wir uns getrennt. Ich bin wieder nach Kufstein gezogen.“ Dort lebt Hubert alleine. In seiner Freizeit betreibt er intensiv seinen geliebten Radsport. Dabei ist dann der folgenschwere Unfall passiert!

Zwei Wochen danach wacht Hubert Pellegrini in der Klinik auf. „ Ich wurde beatmet, hatte Lungenentzündung, weil ich länger gelegen bin.“ Zunächst konnte er fast nichts bewegen, nur die linke Hand ganz wenig. „ Die eigentliche Verletzung oder Behinderung besteht darin, dass die Wirbeln gequetscht sind und die Nerven blockiert werden. So kommt es zu spastischen Erscheinungen, weil die Nerven ein falsches Signal senden.“ Ende 2009 kommt Hubert in das Rehabilitationszentrum Bad Aibling bei Rosenheim. Sein Hauptproblem war das Atmen. Heute hat Hubert das Atemgerät „Pulsar“ zur Sekretmobilisation. Er wendet es täglich drei Mal an und braucht so keine Beatmung mehr.

Eines Tages kommt der Oberarzt und teilt mir mit, dass sie (die Ärzte) in der Klinik für mich nichts mehr tun könnten, ich sollte mir einen Heimplatz suchen. Aber ich wollte in kein Heim.“ Da kommt seine Ex-Frau, Case-and-Care-Managerin im Kufsteiner Krankenhaus auf Besuch und vermittelt ihm eine frei gewordene Drei-Zimmer-Wohnung. „ Und wie sollte das mit der Pflege gehen?, hab ich gefragt. Drauf sagt sie, na ja, mit ISL. Sie kannte den Pflegedienst bereits durch Hans Wolf. Dann ist er gekommen, hat sich alles angeschaut, und am 11. Mai 2011 war dann der Beginn“ (der 24-Stunden-Pflege). Durch eine gut dotierte Unfallversicherung war für ihn eine derartige Pflege finanziell leistbar. Diese Wohnung „ war wirklich ein Glücksgriff. Sehr zentral gelegen, alles behindertengerecht. Gegenüber ist der Sozialsprengel, wenn man eine spezielle Pflege braucht, dann kommt wer, bei Bedarf gibt es Essen auf Rädern. Aber ich hab ja jetzt wen da.“


Hubert Pellegrini mit Betreuer Lucian-Iulian
Hubert Pellegrini mit Betreuer Lucian-Iulian

Im Herbst desselben Jahres kommt Huberts ehemalige Chefin vom Finanzamt mit der Hiobsbotschaft, dass sie ihn in Pension schicken werden. „ Mein Reaktion war: Um Gottes Willen, nein!“ Am 3. Oktober kann Hubert Pellegrini wieder mit seinem Dienst im Finanzamt anfangen. Zwar nicht mehr als Teamleiter, aber wenigstens nicht in Pension. Morgens wird er mit seinem Rollstuhl vom Fahrdienst des Roten Kreuzes abgeholt und um ein Uhr wieder zurückgebracht. Nach der Mittagsruhe von ein bis zwei Stunden arbeitet er die zweite Hälfte der Arbeitszeit von zu Hause aus. Er ist im Info-Center eingesetzt, macht auch Telefondienst, und für das „ Team bin ich sozusagen der Wissensmanager und sammle alle relevanten Neuerungen zusammen.

Einmal pro Monat haben wir eine Besprechung, und ich stelle allen diese Neuerungen vor.“ Einmal wöchentlich kommen seine beiden Töchter auf Besuch. Die jüngere studiert noch Biotechnologie und die ältere ist Diplomkauffrau und arbeitet in Kufstein. Seinen geliebten Radsport betreibt er noch immer, allerdings mit einem Handbike. Dafür gibt es einen eigenen Rollstuhl, auf den das Bike moniert wird. Dann geht’s 20 bis 30 km entlang des Inn.


Hubert und Beate - Hochzeit am Standesamt
Hubert und Beate - Hochzeit am Standesamt

Und dann ist etwas „passiert“, das man weder planen, herbeiführen noch verhindern kann. Hubert hatte zunächst eine Pflegerin aus der Slowakei namens Martina. Eines Tages kommt ihre Freundin Beate, auch aus der Slowakei und bei ISL als Pflegerin tätig, auf Besuch. „Und wie sie gekommen ist, da hat es zwischen uns „gekracht“. Und jetzt sind wir verheiratet. Seit 9. Oktober 2014“.

Hubert ist sehr froh, dass er sie gefunden hat. Beate arbeitet jetzt nicht mehr bei ISL, sondern im Pflegeheim in Kufstein. „ So ist mein Leben momentan. Aber ich kann dem Leben nach wie vor einen Sinn und Freude abgewinnen. Vor allem deshalb, weil ich Beate gefunden habe.“ Auch dass er wieder in seinem früheren Beruf arbeiten kann, macht ihn glücklich. Ob es ihm was ausmacht, dass seine Frau keine Tirolerin ist? „Ich hab gar nichts dagegen, dass die ehemaligen österreichischen Kronländer wieder zusammenwachsen.

Wir waren ja selber Ausländer. Wie meine Vorfahren hierher gezogen sind, haben sie auch kein Deutsch gekonnt.“ Die Pellegrinis waren Ladiner. Unter Mussolini sind viele Südtiroler nach Nordtirol umgesiedelt worden. Huberts Großvater war Bauer und Schmied auf 1900 Meter Seehöhe gewesen – bitterarm. Hier in Kufstein gab es eine Waffenfabrik, in der sein Großvater während des Krieges gearbeitet hat.

Die gegenseitige Wertschätzung Andersdenkenden gegenüber gehört wieder mehr ins Bewusstsein gehoben. Lange Zeit war ich der Meinung, dass wir eine Generation ohne Krieg sein werden. Aber man spürt zur Zeit nicht viel davon. Ob es nicht doch wieder einmal kracht? Was uns bleibt, ist zu hoffen und zu warten.“

Mein ganzes Leben war "Schuhe"

Katharina und Otto

Otto und Katharina (Kathi) bewohnen zusammen mit ihrer jüngeren Tochter Aileen in Traun ein schmuckes Haus mit 2 Etagen und einem kleinen Garten. Seit wenigen Jahren werden sie von zwei Pflegerinnen aus Rumänien rund um die Uhr betreut, weil sie - und vor allem Otto - den Alltag nicht mehr alleine schaffen.

Kathi wurde im Februar 1942 in Sigmundfeld (heute Lukicevo), einem kleinen Dorf in der serbischen Provinz Woiwodina, im Verwaltungsbezirk Zrenjanin (Großbetschkerek), unweit der Grenze zu Rumänien geboren. Ihre Eltern stammten aus dem Elsass. Damals sprachen alle im Dorf deutsch.

Im Oktober 1944 mussten sie von einer Minute auf die andere flüchten, - das ganze Dorf. Natürlich kann und konnte sich Kathi nicht mehr persönlich an alles aus diesen Tage erinnern. Das meiste hat sie später von ihren Angehörigen erfahren. „Wir saßen gerade im Haus beim Nachtmahl, und auf einmal waren die Russen da. Wir konnten nicht einmal fertig essen.“

Ein Bus brachte die Bewohner in ein entlegenes Dorf, wohin noch viele Flüchtlinge aus anderen Orten gekommen waren. Sie hatten nichts mitnehmen können. Danach wurden sie zu einem Bahnhof gebracht und in Viehwaggons verladen. Manche, die nicht so schnell von daheim weg mussten, hatten die Möglichkeit, Brot, Töpfe mit Schmalz und Schinken einzupacken. „Meine Verwandten hatten das alles nicht. Wir hatten nicht einmal eine Decke. Meine Großmutter hatte nur einen langen Rock an. In den hat sie mich eingewickelt, denn mir war ziemlich kalt; es war ja bereits Oktober.“

Auf unserer langen Reise nach Wien musste der Zug oft anhalten, alle mussten aussteigen, denn es wurde geschossen. So mancher ist dabei gestorben. Wenn es wieder ruhig war, konnten die Überlebenden einsteigen und weiterfahren.

Mein Onkel und meine Tante haben ein Baby gehabt, ein kleines Mädchen. Das brauchte natürlich auch etwas zu essen. Als der Zug wieder einmal anhielt, haben sie abseits der Bahnlinie ein Bauernhaus entdeckt. Sie gingen also in der Hoffnung hin, dass die Bauersleute eine Kuh oder eine Ziege haben und sie etwas Milch für das Baby bekommen könnten. Aber sie haben nichts erhalten.“

Wir Kinder haben die Zeit der Flucht und des Lagerlebens gar nicht so furchtbar empfunden. Wir haben uns einfach frei gefühlt. Heute sind die Kinder arm; sie haben oft nicht einmal zu den Nachbarn eine gut Beziehung.

In Wien hatte die Mutter von einer Frau, die während der Fahrt ums Leben gekommen war, eine Rein „geerbt“. Das war das einzige Kochgeschirr für die ganze Familie – die Eltern, Großeltern, Tante und Onkel.

Die Flüchtlinge wurden bald aufgeteilt und „wir wurden nach Andorf bei Schärding gebracht.“ Sie wohnten in einem großen Gasthaus. Zwar nicht in den Fremdenzimmern, sondern in einem angrenzenden Gebäude, das mit einem großen Saal u. a. für Tanzveranstaltungen genutzt wurde. In diesem Saal waren Betten, einfache Stockbetten aus Brettern für die Flüchtlinge aufgestellt worden. „Sehr schnell habe ich mich mit der Tochter der Besitzer angefreundet. Traude hat sie geheißen und war ein Jahr älter als ich. Ich fühlte mich einfach bei diesen Leuten gut aufgehoben.“

Und dann kam Weihnachten. An dieses Fest zu Hause in Serbien konnte sich Kathi nicht mehr erinnern, dafür war sie noch zu klein. Nun hatte ihre Mutter hier in Andorf einen winzigen Tannen- oder Fichtenbaum bekommen, natürlich ohne jeglichen Christbaumschmuck. Irgendwoher hatte sie aber Zuckerstücke, die sie in einfaches Papier einrollte und an den Rändern mit einer Schere zu Fransen einschnitt. Geschenke hatte es keine gegeben. Am Tag nach dem Heiligen Abend hat Traude die neue Freundin ins Wohnzimmer ihrer Eltern mitgenommen. „Ich war ganz weg! Alles hat geleuchtet und geglitzert. Wunderschöne Kugeln hingen auf dem Baum. Mit offenem Mund stand ich da und leuchtenden Augen. Beim Hinausgehen schenkte mir Traude eine Puppe ohne Haare, auch die Augen waren ganz verdreht. Aber für mich war das einfach super.“

1952 wurde die Familie mit einigen anderen nach Haid gebracht. Hier waren Baracken aufgestellt worden und jede Familie hat ein Zimmer bekommen. Niemand hatte natürlich Möbel. Die Männer sind gleich daran gegangen und haben aus Holzresten Regale gezimmert, und die Frauen nähten aus Stoffresten Vorhänge. So haben sie sich nach und nach häuslich eingerichtet. Von der Eingangstüre weg bis zur nächsten Baracke hatte jede Familie ein Fleckchen Erde bekommen. Das konnten sie bearbeiten und für ihren Bedarf etwas anpflanzen.

In Haid ging Kathi auch weiter in die Volksschule, die sie bereits in Andorf begonnen hatte. Hier gab es zu Mittag Suppe und später bekamen sie auch Kakao; der hat natürlich den Kindern sehr gut geschmeckt. Die Klassen waren sehr groß und der Zusammenhalt gut. Die Kinder waren damals mit Wenigem und Geringem zufrieden.

Heute will ein Kind alles haben. Als meine Puppe kaputt geworden ist, haben wir aus Reisstroh, Holzsteckerln und Stoffresten selber eine Puppe gemacht. Für diese Puppen haben wir auch richtige Puppenstuben gebastelt.“

Wenn ich heute so nachdenke, muss ich sagen, dass ich alles selbst gemacht habe. Ich war zwar keine Schneiderin, ich hab nicht zuschneiden können. Aber wenn wir von der Caritas Kleidung bekommen haben und die nicht gepasst hat, hab ich sie auf gut Glück so verändert, dass sie letztlich doch gepasst hat. Aus einem großen Mantel hab ich für meine Schwester einen kleinen gemacht. - Aber Schneiderin wollte ich keine werden.

Kathi wollte unbedingt Frisörin werden. Nun gab es in Haid einen einzigen Frisör. Seine Tochter ist später Weltmeisterin geworden. Und bei diesem Frisör hat sich Kathi beworden. Der Chef wollte sie haben und ging zu ihren Eltern. Aber die haben es abgelehnt. Auch ein zweites und drittes Mal. So blieb Kathi Hilfsarbeiterin. Eine andere Möglichkeit hat es nicht gegeben. Sie kam bereits mit 14 Jahren in Wegscheid in eine Schuhfabrik. Damals musste Österreich für die Russen Stiefel herstellen. Die Hilfsarbeiterinnen bekamen große Lederschürzen und mussten freihändig die Teile zusammenkleben.

Ihren Mann Otto, ein Flüchtlingskind aus Kroatien, lernte Kathi in Haid in der Schule kennen. Er war in ihren Augen ein „fescher Bursch“; aber es kam zu keiner näheren Freundschaft. Sie hat ihn dann wieder aus den Augen verloren. Erst im Turnverein und dann später beim Tanzen sind sie einander wieder begegnet. In den Ferien hat es dann alle möglichen gemeinsamen Aktivitäten gegeben, die von den Schweden organisiert worden waren. Schließlich wurde am 15. Juni 1963 geheiratet.

Otto hatte Brillenmacherei und Industrieoptik gelernt. Jahrelang hat er nur Entwürfe (Design) gemacht und Modelle ausgearbeitet. Als solcher konnte er in der Firma sehr selbständig agieren. Ottos Eltern haben den Grund in Traun gekauft und dieses Haus gebaut, in dem sie noch jetzt wohnen. Immer wenn sie ein bisschen Geld gespart hatten, wurde Baumaterial gekauft. Kredite hat hat man zu damaliger Zeit nicht so leicht bekommen. So entstand das Eigenheim Stück um Stück. Sie hatten nicht einmal eine Mischmaschine. Dazu kam noch, dass keiner der Helfer schwindelfrei war. Doch der junge Otto ist überall hinaufgeklettert und hat die Deckenbalken verlegt. Ohne Eigenleistungen hätten sie das Haus nicht bauen können.

1965 ist Petra, die ältere Tochter auf die Welt gekommen. Als sie drei Jahre alt war, musste Otto von der Firma aus längere Zeit nach Irland; und so nahm er die Familie mit. Erst 1971 sind sie wieder nach Österreich zurückgekehrt und in ihr altes Haus eingezogen.

Im selben Jahr hat Aileen das Licht der Welt erblickt. Kathi blieb zunächst bei den Kindern, während Otto beruflich in der ganzen Welt unterwegs war. Später, als die beiden Mädchen in den Kindergarten bzw. in die Volksschule gingen, hat Kathi wieder zu arbeiten angefangen. „Meine Freundin ist zum Chef jener Schuhfabrik gegangen, in der ich schon mit 14 Jahren gearbeitet hatte. Er hat mich gleich genommen. - So war mein ganzes Leben Schuhe. 

Als die Auslandstätigkeit Ottos weniger wurde, hat er sich bei der Firma Carrera beworben. Dadurch konnte er am Abend zu Hause sein und viele praktische Arbeiten für Haus und Garten durchführen.

Mit 38 Jahren ist Otto krank geworden – zunächst mit einer Hüfte. Mit 42 hat er sein erstes künstliches Hüftgelenk bekommen. Von da an ist es eigentlich nicht mehr richtig gut geworden. Dazu kam noch ein Gehörsturz und dann die zweite Hüfte. Otto lebt schon die längste Zeit mit Schmerztabletten, die er leider nicht gut verträgt. Sie wirken sich sehr negativ auf den Magen und das Blut aus. Selbst Opiate verträgt er nicht. Aber er kann viel schlafen. Und Kathi? Sie hat bereits zwei Herzoperationen über sich ergehn lassen müssen.

Nun meistern sie mit der Unterstützung von Maria und Rodica aus Rumänien, Personenbetreuerinnen des Pflegedienstes ISL, gemeinsam das Leben. Übrigens: Maria bäckt ausgezeichnete Palatschinken!

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Pflege in anderen Kulturen

Würde durch Würde lernen

Alter und Krankheit, Schmerzen und Siechtum können uns in die Hilflosigkeit hinabziehen. So sind wir auf die Hilfe anderer angewiesen, von denen wir nicht nur Unterstützung in der täglichen Lebensführung, sondern auch – oft unbewusst – Kontakt, Kommunikation, eine mitmenschliche Beziehung erhoffen. Wenn Angehörige nicht vor Ort sind oder diesen Dienst nicht leisten können, sind wir froh, dass andere Menschen diese oft schwierige Aufgabe übernehmen.

Es gibt aber auch andere Bereiche in unserem gesellschaftlichen Leben, in denen der Dienst von Menschen am Menschen hilfreich sein sollte. Straffällig gewordene Bürger werden in der Regel zu Haft und Gefängnis verurteilt, in der Hoffnung, dass sie dort und vor allem am Ende ihrer Inhaftierung zu „anständigen“ und „normalen“ Bürgern werden. Dass dem nur in den seltensten Fällen so ist, wissen jene, die mit dem Strafvollzug befasst sind oder als Sozialarbeiter arbeiten. Hohe Rückfallquoten sind keine Seltenheit.

Auch in Uruguay, dem kleinen Land Südamerikas mit seinen drei Millionen Einwohnern, zwischen Brasilien und Argentinien, ist das nicht anders. Dort kommen auf 100 000 Einwohner 333 Häftlinge (in Österreich sind es 98). Die reformfreudige Regierung hat sich entschlossen, das zu ändern. 2013 eröffneten die Behörden in der Hauptstadt Montevideo, im Bezirk Punta de Rieles ein Gefängnis, in dem die Justizwachebeamten und Sozialarbeiter den Häftlingen auf Augenhöhe, also mit Respekt begegnen.

Der Gefängnisdirektor Luis Parodi ist Sozialpädagoge und hat während der Diktatur im französischen Exil gelebt. Wenn er heute auf das letzte Jahrhundert zurückblickt, muss er feststellen, dass die Gefängnispolitik versagt hat. Es wäre nun an der Zeit etwas Neues auszuprobieren. „Sein“ Gefängnis sollte so weit wie möglich der Welt draußen ähneln; nur so können die Häftlinge in die Gesellschaft eingegliedert werden. 

Die Polizisten tragen keine Waffen und greifen auch nur im Falle eines Konfliktes ein. In dem riesigen Areal verbringen die Insassen nicht irgendwie den Tag und schlagen sich die Zeit tot. Sie werden hier angehalten, an einer kulturellen Aktivität teilzunehmen und/oder werden ermutigt, ihr eigenes Unternehmen zu gründen. Bisher haben sie ca. dreißig derartige Betriebe auf die Beine gestellt, darunter ein Betonwerk, ein Lebensmittelgeschäft, eine Tischlerei, Restaurants, einen Frisör, eine Bäckerei. Mithilfe von Mobiltelefonen, die hier gestattet sind, stellen sie den Kontakt nach draußen her, um ihre Produkte auch vermarkten zu können. Von dem Einkommen zahlen sie eine kleine Steuer in einen Solidaritätsfond, der wiederum die Entwicklung neuer Projekte unterstützt.

Dreimal die Woche dürfen Besuche kommen. Dann sitzen sie gemeinsam in den kleinen Restaurants oder stehen in Gruppen auf den großen Areal zusammen. Die Atmosphäre ist entspannt. Gleichwohl bleibt es ein Gefängnis, das vor allem noch am Drogenproblem leidet. Was aber allen Verantwortlichen Mut macht: Die Rückfallquote ist überraschend gering.

Der Leitsatz des Direktors hat nicht nur hier und unter diesen Umständen Gültigkeit, das Prinzip Menschlichkeit trägt überall reiche Frucht: „Die Gefangenen können nur Würde lernen, wenn sie mit Würde behandelt werden.“

Quelle: http://info.arte.tv/de/punta-de-rieles-die-gefaengnis-stadt

Die Wertschätzung des Alters

Abchasien, gerne als Perle des Kaukasus bezeichnet, ist ein kleines Land südlich jenes  mächtigen Gebirgsmassivs, das sich vom Schwarzen Meer über die Türkei, Georgien und Armenien bis nach Aserbaidschan zieht. 1992 hat sich diese Region seine Unabhängigkeit von Georgien erkämpft. Auf 250 km Länge umfasst es eine Fläche von 8600 km² mit knapp 250.000 Einwohner. Die ausgewogenen klimatischen Bedingungen schaffen die Grundlagen für eine üppige Vegetation. Über 60% der Bevölkerung sind Christen (orthodox), 16% Muslime.

Ob es das milde Klima ausmacht, dass seine Bewohner älter werden als sonst wo in der ehemaligen Sowjetunion? Die Natur bietet alles, egal was man anpflanzt, alles gedeiht. Hier muss man für eine gute Ernte weniger schuften als sonst wo. Polenta ist das Grundnahrungsmittel der Abchasen. Dazu kommen stets frisches Obst und Gemüse. Man isst kleine Portionen und wenig Fett. „Was die Russen an einem Tag verdrücken, reicht uns für eine Woche.“ Auf dem Land ist seit Jahrhunderten fast alles gleich geblieben. Die patriarchalische Gesellschaft funktioniert noch. Der Vater ist der Chef. Aber die Frau ist deshalb im Alltag nicht unterdrückt. In der Familie haben Mann und Frau unterschiedliche Rollen, jedoch die gleiche Stellung. Gastfreundschaft ist beinahe ein heiliges Gebot. Man mag sich fragen, woher es kommt, dass hier die Menschen gesund altern. In der Gegend des Kaukasus gibt es Dörfer, in denen die Menschen über 100 Jahre alt werden. Der Ethnologe Rushan Barziz: „In Abchasien haben wir keine Altersheime; niemand würde die Alten in soziale Einrichtungen für Senioren abschieben.“ … „Ein abchasischer älterer Herr, ob er gesund ist oder nicht, ob er eine hohe Position hat oder nicht, genießt in der Familie Respekt – bis zu dem Tag, an dem ihn der Tod holt.“ Die orthodoxe Kirche, und hier allen voran das von den Russen um 1880 erbaute Kloster Novy Afon, bietet Hilfe für die sozial Schwachen. „Mit dem Einzug der Moderne“, erklärt der Abt des Klosters, „geht gerade das verloren, was unser Volk auszeichnet. Wir kämpfen um Werte, die schon lange keine Werte eines europäischen Menschen sind. Aber für uns stellen gerade diese Werte den Höhepunkt der Glückseligkeit dar. Was wir dem Westen anbieten können, sind gewisse Grundpfeiler, gelebte Traditionen, Respekt vor der älteren Generation.“ Das rechte Maß, die gesunde, fleischarme Ernährung ist das Eine. Aber da gibt es noch etwas, wovon andere lernen können: Die Wertschätzung des Alters. Der alte Mensch lebt hier noch immer mit der Jugend zusammen und die jüngere Generation profitiert von der Weisheit der Alten. Sie helfen den Jungen im Alltag. Und so leben in Abchasien die alten Menschen deshalb länger, weil sie spüren, dass sie gebraucht werden.

Quellen: arte-TV: „Jungbrunnen der Welt“ vom 15. Juli 2014      
http://de.wikipedia.org/wiki/Abchasien

Pflege im Sudan

Im Gespräch mit Frau Zeinab Abbas Omer

Wie die Menschen in vielen Länder Afrikas ihre kranken und betagten Angehörigen umsorgen, haben wir anlässlich einer Konferenz des "Commitee on Ageing People" in der Wiener UNO im Gespräch mit Frau Zeinab Abbas Omer aus dem Sudan erfahren. Seit über 20 Jahren lebt sie mit ihrem Mann und den drei Söhnen in Wien, reist aber regelmäßig in das Land ihrer Herkunft, wo sie ihre Familie hat. Im Folgenden fassen wir den Inhalt und die Informationen dieses Gespräches zusammen.

Pflege im Sudan

Der Sudan mit einer Fläche von fast 1,9 Millionen km², ist fünf Mal so groß wie Deutschland; die Bevölkerungsdichte ist jedoch weitaus geringer, hat doch das Land, das von Ägypten, Eritrea, Äthiopien, dem Südsudan, der Zentralafrikanischen Republik, dem Tschad und Lybien umgeben ist, "nur" knapp 40 Millionen Einwohner. Alten- oder Pflegeheim wie in mitteleuropäischen Ländern kennt man hier nicht, oder fast nicht.

In Khartum, der Hauptstadt des Landes, gibt es eine einzige vergleichbare Einrichtung für ca 20 pflegebedürftige Menschen. Diese stammen weitgehend aus dem Süden, der seit dem Referendum vom 9. Juli 2011 vom Norden getrennt ist und einen eigenen Staat bildet. Die alten Leute sind bis zu ihrem Tod immer zu Hause bei ihren Familien. Auch wenn jemand krank wird, kümmert sich jemand aus der Familie, der Sohn, die Tochter oder eine Schwester  um den pflegebedürftigen Verwandten.

Da der Sudan ein muslimisches Land ist, spielt der Islam in der Gesellschaft eine staatstragende Rolle. Dass man sich um die alten und kranken Familienmitglieder kümmern muss, ist im Koran verankert. So heißt es im Koran in der 17. Sure: „Und bestimmt hat dein Herr, dass ihr ihm allein dient und dass ihr gegen eure Eltern gütig seid, sei es, dass der eine von ihnen oder beide bei dir ins Alter kommen. Drum sprich nicht zu ihnen: 'Pfui!' und schilt sie nicht, sondern führe zu ihnen ehrfürchtige Rede. Und füge dich ihnen unterwürfig aus Barmherzigkeit.“

Die betagten Eltern zu pflegen gilt als religiöse Pflicht. Ihr im Bedarfsfall nicht nachzukommen, käme einem gläubigen Muslim nicht in den Sinn. So sind die Wohnungen, bzw. die Häuser von vornherein so angelegt, dass alle Mitglieder einer Großfamilie Platz finden. Kleine Singelwohnungen wie hierzulande sind im Sudan nicht üblich. Die medizinische Versorgung durch Ärzte und Krankenhäuser ist – gemessen an europäischen Standards – schlecht. Man kann sie nicht mit Österreich, auch nicht mit Ägypten vergleichen; eher mit Äthiopien und dem Tschad.

Das Pflegepersonal ist im Allgemeinen recht gut. Doch die medizinisch-technische Ausrüstung ist mangelhaft. Oft stirbt ein Patient, der operiert werden soll, schon während der Narkose, weil einfach die entsprechenden Instrumente nicht oder schlecht funktionieren, bzw. gar nicht vorhanden sind. Auch die Medikamente, die den Patienten verabreicht werden, sind vielfach abgelaufen. In Österreich dürfte man sie nicht mehr verwenden.

Viele Ärzte gehen außer Landes, nach Saudi-Arabien oder die Emirate z. B., denn dort werden sie besser bezahlt. Alte Menschen brauchen sich keine Sorgen machen, wer sie einmal pflegen  wird: Es sind mit Sicherheit die näheren und entfernteren Verwandten.

Quellen: Der Koran, Aus dem Arabischen übersetzt von Max Henning, Philipp Reclam jun., Stuttgart 

http://de.wikipedia.org/wiki/Sudan

Heinz Krcek

Es ist eine „Ehre“ das Familienoberhaupt (Großeltern) pflegen zu dürfen

Pflege in Äthiopien

Äthiopien gehört zu den ärmsten Ländern Afrikas. Mit einer Bevölkerung von ca 98 Millionen (anderen Quellen zufolge 87 Mio.) Einwohnern auf einer Fläche, die dreimal so groß ist wie Deutschland, also 1.104.300 km², leben. ca 6 Millionen in den 10 größten Städten.

Eine Altenpflege und Betreuung ist in Äthiopien nicht derart organisiert wie wir dies bei uns seit vielen Jahrzehnten kennen. Vor allen in der Hauptstadt Addis Abeba (3,5 Mio) und in manch größerer Stadt finden sich zwar Pflegeheime, die aber nicht jenem Standard entsprechen, den wir in Mitteleuropa heutzutage als selbstverständlich ansehen.

Die wenigen Pflegeheime - vor allem in den Ballungszentren  - sind nicht zuletzt wegen Personalmangel sehr locker strukturiert. Es gibt keine zeitlich geregelten Abläufe was die Essenszeiten, hygienische Pflege oder Wundversorgung betrifft. Darüber hinaus gibt es bislang keine Betreuungsangebote. Man tut, was man kann, und das ist in der Regel nur das Überlebensnotwendige.

In den entlegenen Gebieten wird die Pflege selbstverständlich von den Familienangehörigen oder Bekannten/Nachbarn wahrgenommen. Grundsätzlich wird die Betreuung alter und/oder kranker Menschen von den Familienangehörigen nicht als Last empfunden, sondern als Ehre. Die medizinische Versorgung ist dürftig und Krankenhäuser in der Regel mehrere hundert Kilometer entfernt. Auf 10 000 Einwohner kommt 1 Arzt. Die Verkehrswege sind kaum ausgebaut und öffentliche Verkehrsmittel gibt es kaum.

Bei einer Lebenserwartung von 54 Jahren (Männer) bzw. 57 Jahren (Frauen) ist die Versorgung von betagten Menschen sicher nicht das zentrale Thema. Doch das Bewusstsein geht in die Richtung, dass nicht nur kleine Kinder, sondern auch die alten und unter Umständen auch kranken Mitglieder ihren Platz im Familienverband haben und – soweit möglich - mit Respekt Ehrfurcht und Hingabe betreut werden.

Quellen:

http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84thiopien

http://www.spiegel.de/thema/aethiopien/

http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/01-Nodes_Uebersichtsseiten/Aethiopien_node.html

http://www.pflegewiki.de/wiki/Altenpflege_in_Afrika

Heinz Krcek

Pflegedienst ISL

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